TV-Star Stefan Jürgens spielt vor 120 Knackis in Tegel eine Geschichte, die sie alle kennen

Schock-Theater im Knast

 
Da sitzen sie: 120 Mörder, Betrüger und Gewaltverbrecher. Verstohlen tauschen sie Blicke oder starren betroffen auf die Bühne. Dort steht TV-Star Stefan Jürgens, 41, bekannt aus "RTL-Samstagnacht", und liest den Kriminellen die Leviten: "Das wird hier wie im richtigen Leben: Manchmal lustig, manchmal weniger, und dann ist es aus", kündigt er den harten Jungs aus der JVA Tegel an. Und er fährt sie heftig an: "Das ist nicht nur ein Spiel. Es könnte auch euer Leben sein! Denkt mal an eure Familie! An euer Zuhause!"
 
Stefan Jürgens machte es den Knackis bei seinem Gastspiel hinter Gittern am Montagabend nicht leicht. Das Ein-Mann-Stück "Süchtig" von Mark Lundholm (Regie: Guntbert Warns) sollte kein Spaß werden, keine Erholung vom grauen Knastalltag. In einzelnen Szenen erzählt das Stück aus dem Leben eines Ex-Knackis, voller Wut und Frust, Angst und Sucht, Gewalt und Gegengewalt - und trifft damit beim Publikum ins Schwarze! Denn das, was Stefan Jürgens hier nur spielt, haben viele Zuschauer in der JVA Tegel am eigenen Leib erlebt.
 
Dennoch wird auch gelacht. Stefan Jürgens ist eben ein Comedian, doch im nächsten Augenblick kippt die Stimmung. So etwas kennen die Insassen. Betroffen folgen sie der Szene, in der Jürgens in der Rolle des Knackis erzählt, wie ihn sein Vater immer wieder grundlos verprügelt hat. Totenstille im Publikum. Was denkt man da als Schauspieler? "Man schaut sich im Saal um und liest in allen Gesichtern ,Das kenn' ich'. Da entstehen Momente von ganz großer Nähe", erzählt Jürgens.
 
Anderthalb Stunden voll von kaputter Kindheit, steiler Drogenkarriere, Verwahrlosung und Kriminalität gehen den Gefangenen unter die Haut. "Doch bei dem tristen Alltag hier im Knast ist alles gut, was von draußen kommt, da ist alles ein Highlight", so Michael M., 48, der wegen Mord lebenslang sitzen muss. Die grausame Komödie "Süchtig" ist für die Insassen der JVA jedoch etwas ganz Besonderes.
 
"Ich hätte das nie so erwartet", sagt Michael S., 49, selbst früher drogenabhängig und wegen Totschlags im Rausch seit zwei Jahren in Tegel. "Ich habe das alles genau so erlebt. Es war faszinierend und gleichzeitig unfassbar." Und Andreas W., der wegen Mordes lebenslänglich bekommen hat, meint respektvoll: "Ein Fremder hätte das so nicht machen können. Er muss es erlebt haben."
 
Doch Jürgens war selbst niemals süchtig. Dass er so gut ankam, ist einzig und allein seiner schauspielerischen Meisterleistung zu verdanken. Jürgens: "Das war für mich aber auch eine ganz neue Erfahrung. Eine extreme Situation, spannend und viel direkter als im normalen Theater." Er ist von seinem Knast-Auftritt so begeistert, dass er schon neue Pläne schmiedet: "Jetzt will ich gleich durch die nächsten Gefängnisse touren." jw, BZ Berlin 07/2004

 

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