Stefan Jürgens im Interview 

Stefan Jürgens - ein Pendler zwischen Wien und Wilmersdorf

Der Schauspieler und Musiker pendelt weit für seinen Job. Ein Gespräch über Familie, Finanzen und Unterschiede

29.12.2016, 07:40 Uhr, Petra Koruhn Berliner Morgenpost

Stefan Jürgens ist Schauspieler und Musiker gleichermaßen. Wenn er nicht den raubeinigen Major Carl Ribarski in der "Soko Wien/Donau" gibt (29. Dezember, 20.15 Uhr, ZDF), geht er mit seiner Band auf Tournee. Bekannt wurde der 53-Jährige, der zwischen Berlin und Wien pendelt, mit der Comedyshow "RTL Samstag Nacht" und als Berliner "Tatort"-Kommissar Hellmann.

Ein Gespräch über Freiheit, Unterschiede zwischen Wien und Berlin und Selbstjustiz im Internet.

Seit zehn Jahren spielen Sie den "Major Carl Ribarski". Wie kommen Sie als Deutscher in Österreich zurecht?
Gut, aber das liegt – glaube ich – an der Figur, die ich in Soko Wien spiele. Sie ist im Gegensatz zum typischen Bild eines Piefkes nicht ganz so piefig. Ribarski wirkt eher wie ein Strizzi (ein Zuhälter), ist nicht so besserwisserisch und zugeknöpft.

Sie pendeln zwischen Wien und Berlin. Wie gefällt Ihnen das unstete Leben zwischen zwei Städten?

Sehr gut, Wien ist schön, Berlin ist aufregend. Ich habe immer noch meine Wohnung in Wilmersdorf, in meinem geliebten, alten Kiez, in dem ich seit elf Jahren lebe. Anfangs war ich nur zeitweise in Wien. Ich hatte die Stadt gar nicht auf dem Schirm. Ich war 1988 das letzte Mal da. Damals war die Stadt dunkel, grau und mit verrußten Fassaden; ich kam mir vor wie in Ost-Berlin.

Klingt nicht gerade nach Liebe auf den ersten Blick.

Nach dem Rollenangebot wurde ich 2007 am Flughafen abgeholt und fuhr durch eine völlig andere Stadt. Ich dachte nur: Das ist ja wunderbar. Wien hat fast schon ein südliches Flair, eine ganz andere Kultur, das ist kein 17. Bundesland. Ich konnte mir vorstellen, in Wien für ein Jahr zu drehen.

Sie planen stets nur für ein Jahr?

Nachdem ich keine Festverträge mehr eingehe, war es anfangs ein Zwang. Da konnte ich froh sein, wenn ich überhaupt für ein Jahr planen konnte. Doch ich hatte das Glück, dass es ein paar Erfolgsprojekte gab, die eine Chance auf ein weiteres Jahr hatten.

Sie sind Vater von vier Kindern mit drei verschiedenen Frauen. Haben Sie kein Bedürfnis nach finanzieller Sicherheit?

Ich habe ein großes Bedürfnis nach Sicherheit, aber das Bedürfnis nach Freiheit überwiegt. Tatsächlich. Mich zu etwas zu zwingen wegen des Geldes hat mir nie zu Glück verholfen.

Definieren Sie bitte Freiheit.

Freiheit ist die Möglichkeit, auf meine innere Befindlichkeit zu reagieren in meiner beruflichen Situation. Wenn ich Musik machen will, dann eben Musik machen zu können. Ich möchte in der Lage sein, meine Entscheidungen von meiner Lust abhängig zu machen. Wenn ich aber einen Dreijahresvertrag bei einer Serie unterschreibe, kann ich nicht nach einem Jahr aufhören, wenn ich nicht mehr will.

Haben Sie das schon erlebt?

Ja, ich kenne das, wenn man raus will, aber man ist gebunden. Das war bei "Samstag Nacht" so. Das war ein ziemlicher Prozess, letztendlich habe ich auch einen Weg gefunden, aber nach großem Krach. Die Erfahrung habe ich gemacht, darauf bin ich nicht mehr aus.

Sie sind Schauspieler, Musiker und Vater. Wann ruhen Sie sich eigentlich mal aus?

Das bekomme ich gar nicht hin. Ich versuche seit zwei Wochen zur Ruhe zur kommen, doch das gelingt mir nicht. Meine neue Platte wird gerade fertig, da läuft mein Puls so abartig hoch, das ist keine menschliche Kurve mehr. Ich kann die Lacher aus meinem Familien- und Freundeskreis auch nicht mehr ertragen, wenn ich sage, das wird jetzt alles ein bisschen weniger. Und diese Selbstlüge glaube ich mir selbst eh nicht mehr. Es wird einfach jedes Jahr mehr.

Warum heißt Ihr neues Album, das im Februar 2017 erscheinen wird, "Grenzenlos Mensch"?

Ich bin ganz glücklich mit dem Titel. Es geht nicht nur um Flüchtlinge, sondern auch um den "Mensch in der Nussschale", da ist vieles drin. Ich möchte es daher nicht nur darauf beschränken.

Was war Ihr Impuls?

Erstens die Zeit, in der wir leben. Als Liedermacher im deutschsprachigen Raum muss man in dieser Zeit Farbe bekennen. Ich finde, man kann sich um dieses Thema nicht herumarbeiten. Nicht nur weil es mir ein Herzensanliegen ist, sondern weil wir uns äußern müssen. Das ist unsere verdammte Pflicht! Das Zweite ist, dass "grenzenlos" auch ein positives Wort ist. "Grenzenlos" heißt auch: die Suche nach sich selbst. Es geht also auch um Träume, Hoffnung, Sehnsüchte, Grenzüberschreitung, Scheitern, also an Grenzen zu kommen, die man gerne überwinden würde.

Suchen Sie noch nach sich selbst?

Langsam bekomme ich eine Ahnung davon, wer ich bin. Ich hatte gerade ein Gespräch mit meiner 23-jährigen Tochter, die manchmal gar nicht weiß, wo sie steht. Da habe ich nur gesagt: "Willkommen im Klub. Gewöhne dich dran." Diese Suche ist schmerzhaft und alles andere als lustig, aber wahrscheinlich ist das unsere Aufgabe.

In der aktuellen Folge, die am heutigen Abend läuft und den Titel "Wir sind viele" trägt, geht es um Hass und Selbstjustiz im Internet. Ein sehr aktuelles Thema.

Wir befinden uns in einer Abwärtsspirale, die uns immer schneller werdend vorkommt.

Macht Ihnen das Angst?

Nein, es ist nicht Angst. Aber ich habe tiefe Sorge, gerade auch um die Generation meiner Kinder, wie deren Welt dann aussieht. Ich verspüre große Unruhe, weil ich noch nicht weiß, wie ich mich selbst verhalten soll. Vom Wutausbruch bis zur totalen Zurückgezogenheit ist alles möglich. Es gibt Zeiten, wo ich mich total zurückziehe, wo ich wochenlang verweigere, Zeitung zu lesen. Eine innere, komplette Verweigerung.

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